Ikigai: Wer dient, erlebt Sinn. Und wer Sinn erlebt, dient von Herzen.
Ich begeistere mich für Worte mit Tiefgang, und das japanische Wort Ikigai ist genau so ein Wort, das mein Herz höherschlagen lässt. Es klingt ein bisschen geheimnisvoll, und bedeutet doch etwas ganz Einfaches und Konkretes: der Grund, warum es sich lohnt, morgens aufzustehen.
In Japan ist Ikigai Teil der Lebensphilosophie. Hier im Westen wird es oft beschrieben als die Schnittstelle zwischen vier Kreisen:
- was wir gut können,
- was wir lieben,
- was die Welt braucht und
- wofür wir bezahlt werden.
Das klingt ziemlich nach Businessplan-Canvas, doch wenn wir ein bisschen tiefer schauen, finden wir darin eine sehr alte und weise Lebenshaltung, die im Deutschen oft unzureichend mit einem Wort beschrieben wird, das viele Menschen eher abschreckt: „Dienen“.
Tun für Andere, eine unterschätzte Glücksquelle
In unserer westlichen Welt riecht das Wort „Dienen“ nach gestärkter Kittelschürze, nach der resignierten Aufgabe eigener Interessen, auch nach Militär. Dabei meint Dienen viel mehr. Es meint: etwas geben, das anderen wohltut, das die gemeinsame Sache voranbringt; etwas beitragen, und dabei über sich selbst hinauswachsen. Das passiert tatsächlich.
In einer großen japanischen Studie zeigte sich, dass Menschen, die ihren Lebenssinn – ihr Ikigai – klar empfinden, sozial aktiver und in ihre Gemeinschaften besser eingebunden sind, und dass sie aus diesem Grund viel länger gesund leben. Die Forscherinnen nennen es eudaimonisches Wohlbefinden – das Wohlbefinden, das entsteht, wenn man etwas Sinnvolles tut. Das heißt: Dienen ist gerade kein Akt der Selbstaufgabe, es dient letztendlich der Selbstfürsorge.
Das lässt sich sogar neuropsychologisch erklären: Helfen aktiviert im Gehirn die Belohnungssysteme, die auch bei Freude oder Dankbarkeit anspringen. Der Glückshormonspiegel steigt (Dopamin!), Stresshormone sinken. Langfristig stärkt das positive Erleben sozialer Verbundenheit noch mehr soziale Verbundenheit – ein Kernfaktor für Ikigai.
Ikigai trägt auch Blaumann
Ich habe es in so vielen Teams erlebt: In dem Moment, in dem jemand im Service versteht, dass er nicht einfach nur Prozesse abarbeitet, sondern für das Leben anderer Menschen einen wirklichen Unterschied macht, verändert sich alles.
„Seit Sie da sind, spricht meine Mutter wieder“ – eine Pflegerin, die dieses Feedback bekommt, wird gerne mit höchster Aufmerksamkeit arbeiten, mit Empathie, mit Hingabe. Ähnliche Beispiele finden Sie in allen Branchen: Wenn die Heizung wieder läuft, das vermaledeite IT-System aufgespielt und das neue Team endlich eingearbeitet ist, bedeutet das für den Alltag der Menschen eben sehr viel mehr als nur „Ach, geht wieder!“. Ich erinnere mich an einen Techniker, der mir einmal sagte: „Ich repariere keine Maschinen, ich rette Arbeitstage.“ Das ist Ikigai in der Blaumann-Version.
Ich sehe es ganz praktisch: Wenn eine Servicemitarbeiterin spürt, dass sie jemandem den Tag erleichtert hat, dann strahlt sie vor Freude. Dieses Leuchten ist ansteckend – für das Team, für Vorgesetzte, für andere Kundinnen und Kunden. Und plötzlich hat man sie überall, diese kleinen Ikigai-Momente.
Arbeiten heißt, die Sehnsucht nach Sinn in die Tat umsetzen
Ich wünsche mir, dass wir das Wort „dienen“ wieder mit Stolz benutzen. Als Ausdruck von Haltung, Respekt und Menschlichkeit – in Kombination mit der eigenen Kraft und Kompetenz. Und ich bin überzeugt: In einer Welt, die laut ist und schnell und vor allem auf das eigene Ego gerichtet, kann dieser persönliche Leitstern – „Das ist es, was ich von mir geben möchte“ – uns immer wieder neu verbinden mit anderen, und auch mit uns selbst. Und uns immer wieder daran erinnern, warum wir eigentlich arbeiten: Um etwas Gutes zu bewirken!
Leider geht dieser Gedanke, der so viel Energie pulsieren lässt, im Alltag oft unter: Wir reden über Prozesse, Kennzahlen, Kundenzufriedenheit. Alles wichtig – aber der eigentliche Kern ist doch das Dienen.
- Wenn jemand in einer Beschwerde ruhig bleibt, empathisch reagiert und eine Lösung findet, dann ist das Dienen in Reinform.
- Wenn eine Ärztin einen Moment länger am Bett stehen bleibt, um zuzuhören – Dienen.
- Wenn ein Techniker nach Feierabend noch einmal zurückfährt, weil er spürt, dass jemand seine Hilfe braucht – Dienen.
Plädoyer für einen Perspektivenwechsel
Das Schöne am Dienen ist: Es macht uns nicht kleiner, sondern „ganzer“. Denn wer dient, stellt sich nicht über andere – er stellt sich zu ihnen. Und wird Teil eines Kreislaufs: Ich gebe – und bekomme Bedeutung zurück.
Viktor Frankl hat die ganze Sache mal auf eine ganz einfache Formel gebracht. „Frage nicht, was Du vom Leben willst“, das ist sein Plädoyer. „Frage, was das Leben von Dir will.“
Und wenn Sie das nächste Mal auf einen Menschen zugehen, um ein Problem zu lösen oder einfach freundlich zu reagieren, obwohl Sie es eilig haben – dann spüren Sie es vielleicht ganz kurz. Dieses warme, klare, kleine und doch ganz große Gefühl.
Das ist Ikigai.
Herzliche Grüße
Ihre
Sabine Hübner
Quelle: Okuzono, S., Shiba, K., Kim, E., Shirai, K., Kondo, N., Fujiwara, T., Kondo, K., Lomas, T., Trudel-Fitzgerald, C., Kawachi, I., & VanderWeele, T. (2022). Ikigai and subsequent health and wellbeing among Japanese older adults: Longitudinal outcome-wide analysis. The Lancet Regional Health: Western Pacific, 21. https://doi.org/10.1016/j.lanwpc.2022.100391.
